Cafe Lotti Presse

Süddeutsche Zeitung

Lebenstraum in Rosa

Betritt man das Café Lotti von Sabrina Lorenz, 23, fühlt man sich sofort zu Hause, nur ist man kurz irritiert, weil man nicht weiß, welche Heimat das gerade ist. München? Andere sind versucht, Amberg dazu zu sagen. Oder Brighton. Oder Rosarien, das Zauberland, in dem Prinzessin Lillifee lebt.

Auf dem Weg vom Stiglmaierplatz in Richtung Norden steht an einem Schaufenster einer Bäckerei: „Irgendwie fast dahoam.“ Wenn man dann ein paar Meter weiter in der Schleißheimer Straße 13 über die Schwelle des Café Lotti tritt, fühlt man sich sofort zu Hause, nur ist man kurz irritiert, weil man nicht weiß, welche Heimat das gerade ist. München? Andere sind versucht, Amberg dazu zu sagen. Oder Brighton. Oder Rosarien, das Zauberland, in dem Prinzessin Lillifee lebt. Alles stimmt. Irgendwie. Doch der Reihe nach.

Die Einrichtung kann man in einem Wort zusammenfassen: rosa. Kronleuchter hängen von der Decke und glitzern, auf den Tischen stehen kleine Vasen mit pinkfarbenen Rosen. Die Wände zieren Fotografien, die die 23-jährige Cafébesitzerin Sabrina Lorenz in England geschossen hat. Trotz des hinter der Theke hängenden Plakats mit dem typischen roten Bus, der durch Londons Straßen fährt, hat sich Sabrina bewusst für den Landhausstil und die damit verbundene Romantik entschieden – gegen das Londoner Cool-Britannia-Gefühl. Mit 16 war sie für drei Monate in Brighton. Vor zwei Jahren, kurz vor der Eröffnung des Café Lottis, haben Sabrina und ihr Freund Achim Hüttner, der sie bei der Firmengründung finanziell unterstützte, noch einmal in England Urlaub gemacht. Die Impressionen von kleinen Hostels und süßen Cafés führten schnell zu Sabrinas großem Wunsch: „Ich wollte ein Stückchen England nach München bringen.“

Im August 2009 suchten die beiden noch nach einer Wohnung in München, weil Sabrina den Plan hatte, zu studieren. Beide kommen aus Amberg – für Sabrina stand schon immer fest: „Ich wollte unbedingt in die große, weite Welt.“

Als dann die Zulassungsprüfung für das Lehramtsstudium nicht klappte, entstand einen Monat später der Gedanke zum eigenen Café. Den Traum davon hegte sie schon lange – Sabrina jobbte zwei Jahre lang im Café Zentral in Amberg. Sie war dort fasziniert von der Zusammenarbeit des Teams – und ihr gefiel „die Nähe zu den Menschen und die Geschichten, die sich ergeben“.

Die Räumlichkeiten sind für ihre treuen Gäste nicht nur ein zweites Wohnzimmer, sondern auch ein bisschen wie Muttis Küche. Der Pfannkuchen, gemacht aus XL-Eiern, die ein befreundeter Bauer aus Amberg liefert, bettet die richtige Menge Nutella, ein Klecks Marmelade garniert die Leibspeise. Als Kellnerin Birte das Gericht bringt, überprüft Sabrina, ob das Essen auch perfekt angerichtet ist. „Diese typische Chefin – das bin ich jetzt aber nicht. Ich bin nicht tyrannisch“, sagt Sabrina. Birte verkauft bei ihr im Laden selbstgemachte iPhone-Taschen. Die Produzentinnen von Herzketten, die sich selbst Porzellaner nennen, verkaufen ebenfalls hier. Diese Vielfalt macht die Erfolgsstory des Café Lotti aus.

Nicht nur die Eier kommen aus ihrer alten Heimat Amberg. Der Käse kommt von Achims Tante Berta, der Kaffee von der Bavarian Roasting Company in Amberg, die Wurst von Großcousin Hans. Klar ist das logistisch aufwendig, aber Sabrinas Konzept ist es, die Leute wissen zu lassen, wo die Nahrungsmittel her sind. „Viele Leute gehen daheim in den Bioladen, und im Restaurant essen sie alles.“ Bei ihr soll es anders sein – wie zu Hause. Die Kuchen werden von Sabrinas Mutter und Achims Mutter gebacken oder nach deren Rezepten. Manchmal sei die Selbstständigkeit nicht so einfach – da wollen die Eltern ihr eben etwas abnehmen. Und die Rezepte der Mütter und Großmütter kommen an, seien es die Kuchen oder die Marmeladen. Schon seit zwei Jahren träumt Sabrina, diese Rezepte in einem Buch zu veröffentlichen. Dafür fehlt noch ein Verlag. Und etwas Zeit – denn die Arbeit im Café bestimmt ihren Alltag schon sehr.

Mittlerweile haben sich im Café Lotti auch der unregelmäßig stattfindende Amberger Stammtisch und ein Strickclub – an einem Sonntag in Monat – etabliert. Für viele Gäste ist das Café aus der Maxvorstadt nicht mehr wegzudenken. „Ich wollte gar nicht an einen belebten Platz. Ich möchte, dass die Leute gezielt zu mir kommen.“ So vermeide sie „zehn grantige Kaffeetrinker“ und holt sich die ins Haus, die sich Zeit nehmen, um gemütlich Tee zu trinken. Am Wochenende kommt man an einer Reservierung nicht vorbei, wenn man im Café Lotti frühstücken will, ansonsten ist jeder Tag anders. „Es gibt immer Tage, die nicht so gut sind, aber es gibt auch Tage, da überschlägt man sich.“ Sabrina gibt gerne zu, urlaubsreif zu sein. Trotz der vielen Arbeit genießt sie den Stress der Selbständigkeit. Denn wie viele 23-Jährige haben schon ihren eigenen Laden?

Aber was hätte Sabrina gemacht, wenn ihr Freund Achim damals nicht mitgeholfen hätte? „Ich hätte es später gemacht, vielleicht erst mit 30.“ Das wäre schade – alleine schon für viele Teenager. Schließlich diente das Café Lotti schon als Kulisse für die Foto-Lovestory der Bravo Girl! Willkommen in Rosarien, dem Zauberland, in dem Prinzessin Lillifee lebt.

21.11.2011